10.09.2017 | BR | Felssturz-Gefahr: Bröseln auch bayerische Berge?

Felssturz-Gefahr | Bröseln auch bayerische Berge?

Von: Sebastian Nachbar | Stand: 10.09.2017

Drei Millionen Kubikmeter Fels und Geröll sind Ende August am Piz Cengalo in der Schweiz zu Tal gedonnert. Schuld daran ist das Auftauen des Permafrosts. Gestern Abend wurden im Wallis Häuser geräumt - es droht ein Gletscherabbruch. Wie ist die Lage in Bayern? Wissenschaftler der Technischen Universität (TU) München gehen dieser Frage nach.

Die Erderwärmung lässt den Permafrost an dem 3.369 Meter hohen Piz Cengalo auftauen. Das Eis im Berg schmilzt, der Fels wird instabil. Der Bergrutsch Ende August war für die Talbewohner eine Katastrophe. Und es besteht die Gefahr weiterer großer Abbrüche.

Entwarnung nach Gletscherabbruch im Wallis

Im Schweizer Saastal im Kanton Wallis ist ein Gletscherabbruch glimpflich verlaufen. Gestern Abend mussten etwa 200 Menschen in Saas-Grund ihre Häuser verlassen. Inzwischen konnten sie zurückkehren. Eine Eislawine, die zunächst befürchtet worden war, blieb aus.

Geologen hatten an der Zunge des Triftgletschers in den vergangenen Wochen stärkere Bewegungen gemessen, zuletzt bis zu 130 Zentimeter am Tag. Sie hatten daher mit dem Abbruch gerechnet. Vorsichtshalber wurden das Gebiet unterhalb des Gletschers und die Wanderwege in der Region gesperrt. Auch eine Bergbahn stellte zeitweise den Betrieb ein.

Erkundungs- und Forschungsarbeiten an der Zugspitze

Auch in Bayern erwärmt sich das Klima. Permafrost gibt es hier eigentlich nur an der Zugspitze. Natürlich verändert sich das gefrorene Gestein auch dort. Wie - das vermessen Forscher von der Technischen Universität München jetzt im Spätsommer und Herbst, so oft es geht. Damit wissen sie, wie stabil Deutschlands höchster Berg da steht.

zugspitze permafrost foto michael krautblatter tu muenchen

Ortstermin: Kammstollen an der Zugspitze. Früher wurde er touristisch genutzt. Heute ist das obsolet, aber wir haben dort den Glücksfall, dass der Stollen mitten durch eine Permafrostlinse führt und uns dadurch eine Art Open Air-Labor bietet.

Maximilian Wittmann von der TU marschiert durch einen dunklen Stollen. Auf dem Rücken schleppt er eine schwere Kiste. Der Gang führt vom Schneefernerhaus auf 2.650 Metern mitten in den Berg. Wittmanns Ziel: der Fels an der Nordwand der Zugspitze, der das ganze Jahr über gefroren ist - eine sogenannte Permafrostlinse. Wittmann und seine Kollegen vermessen sie jeden Monat.

Gefrorenes elektrisch erkennen

Die Methode, mit der die Forscher messen, ist eigentlich einfach: Über Stahlschrauben schicken sie Strom durchs Gestein und messen, wo der Fels einen höheren elektrischen Widerstand hat - dort ist er gefroren. Das ist ähnlich wie beim EEG, bei dem man Elektroden an den Kopf klebt und mit elektrischen Impulsen ins Gehirn schaut.

zugspitze permafrost messung foto michael krautblatter tu muenchen

"Für uns ist interessant, dass wir praktisch jeden Sommer und jeden Winter sehen können: Der Permafrost auf der Zugspitze funktioniert gerade noch so, ist gerade noch unter Null, das heißt: Er reagiert sehr sensibel. Wir haben hier praktisch ein kleines Fenster, in dem wir sehen, wie das funktioniert - und das können wir dann auf die gesamten Alpen übertragen. Denn diese Art von Abschmelzen, Verkleinerung, Erwärmung und auch Durchbrüche von wasserführenden Klüften ist etwas, was wahrscheinlich überall in den Alpen passiert. Hier sind wir aber mittendrin - und wir können das von innen beobachten." Michael Krautblatter, Professor für Hangbewegungen an der TU mit Spezialgebiet Permafrost und Leiter der Forschungen im Kammstollen

"Wir haben hier eine Autobatterie, einen Sammelschalter, in dem alle Messpunkte zusammenlaufen und unser Messgerät, das pro Messung immer vier Punkte ansteuert." Maximilian Wittmann, TU München

Das Zugspitz-Eis schmilzt - millimeterweise

Mit jedem Stromstoß knackt das Messgerät, rechnet und speichert Daten ab. Die langfristige Tendenz ist klar: Das Eis, das den Fels seit zwei Millionen Jahren zusammenhält wie Kitt, schmilzt. Droht damit ein Bergsturz an der Zugspitze? Es wäre nicht der erste: Vor 3.700 Jahren stürzten 300 Millionen Kubikmeter Fels vom Gipfel ins Tal - hundert Mal so viel wie kürzlich am Piz Cengalo in Graubünden.

zugspitz felsgrat foto michael krautblatter tu muenchen

"Wir messen an der Zugspitze seit Jahren kleinere Bewegungen, aber es handelt sich da um keinen großen Trend. Es handelt sich um Millimeterbewegungen. Es ist nicht so wie am Cengalo, wo vorher deutlich große Spalten aufgehen. Das heißt: Wir haben uns die üblichen Verdächtigen an der Zugspitze angeschaut. Dort machen wir auch Messungen seit 2007. Aber es ist keiner dabei, der jetzt wirklich große Bewegungen zeigt." Michael Krautblatter

Gefährdeter Hochvogel

Durchaus gefährlich für Berggeher ist jedoch ein anderer Berg in Bayern: der Hochvogel in den Allgäuer Alpen. Der Anstieg von der Tiroler Seite über den Bäumenheimer Weg ist wegen Felssturzgefahr seit Jahren gesperrt. Der Berg liegt mit 2.592 Metern Höhe zwar nicht im Permafrost, direkt am Gipfel öffnet sich aber eine 30 Meter tiefe Spalte. In manchen Monaten wächst sie um mehrere Zentimeter.

titelbild landesgeologie tirol

"Der Hochvogel ist ein klassisches Beispiel, wo wir eigentlich auf einen Felssturz warten müssen. Uns wäre es jetzt sehr lieb, auch wirklich den Hochvogel so zu instrumentieren, dass wir jede Stunde wissen: Was für Bewegungen hat er? Es ist nicht gut, wenn wir sagen: Wir warten einfach, was passieren könnte. Es wäre viel besser, wir wüssten stündlich Bescheid, wie die Bewegungen oben sind. In diesem Fall, auch wenn Bergsteiger nicht direkt im Sturzbereich gefährdet sind, würde ich schon gerne den Gipfel sperren wollen. Das ist natürlich eine Entscheidung der bayerischen Behörden." Michael Krautblatter

Forscher wollen bessere Frühwarnsysteme

Zurück zur Zugspitze: Auch wenn es in Sachen Fels- und Bergstürzen momentan ruhig ist an Deutschlands höchstem Berg - die Gefahr wächst, und zwar alpenweit. Darum will Krautblatter bessere Frühwarnsysteme entwickeln, um die Menschen besser schützen zu können. Krautblatter und seine Kollegen müssen bald viel mehr verdächtige Berge als heute überwachen - und das kostet Geld.

"Um Sicherheit in Alpen zu gewährleisten, brauchen wir jetzt schnell und konzentriert Forschung, um die Signale, die uns der Berg sendet, besser zu verstehen - um daraus auch bessere Frühwarnsignale zu bekommen. Der Wissenschaftler wird gerufen, vier Tage bevor Cengalo passiert. Das ist zu spät. Wir brauchen wirklich Exemplare, wo wir zugucken können, wie solche Felsstürze passieren - wo wir sie komplett mitbegleiten können, wo sie auch herunterfallen dürfen, damit wir das verstehen. Damit unsere prognostische Fähigkeit da besser wird." Michael Krautblatter

Quelle

http://www.br.de/nachrichten/felssturz-auch-bayerische-berge-broeseln-100.html | Aufgerufen: 14.09.2017